March 20, 2020

Wie man die Coronavirus-Isolation übersteht: Erklärungen einer Analog Astronautin

Nach dem Verlassen meines Schlafbereichs bringen mich drei Schritte in den Sanitärraum, der selbst nur ein paar Schritte breit ist. Dort habe ich meine Privatsphäre, aber sobald ich den Raum verlasse und mich zu meinen Teamkollegen an den Frühstückstisch setze, werde ich stundenlang nicht mehr allein sein. In den kleinen, beengten Räumen unserer Basis essen und schlafen wir, führen Experimente durch, erledigen unsere Fitnessroutine und unsere täglichen Haushaltsaufgaben. Nach einer Woche in Isolation beginnt meine Stimmung leicht zu sinken. So sehr ich meine Teamkollegen mag – wir wurden ausgiebig getestet und auf Kompatibilität ausgewählt – vermisse ich meine Familie, Freiräume, einfach allein zu sein!


Wenn ich mit meinen Angehörigen sprechen möchte, muss ich Online-Tools verwenden und meine Zeit und Bandbreite ist begrenzt.


Kommt Ihnen das bekannt vor?


Bis vor kurzem betraf dieses Szenario nur eine begrenzte Anzahl von Menschen, die an entlegenen Orten, auf Schiffen oder Forschungsstationen arbeiten oder leben, sowie Astronauten und Menschen in medizinischer Quarantäne. Als Analog Astronautin erwarte ich, dass ich mich bald bei der nächsten analogen Mission AMADEE20 des Österreichischen Weltraumforums in der Negev-Wüste in Israel im Herbst 2020 in einer solchen Situation wiederfinde. Wir trainieren und bereiten uns Monate im Voraus auf diese Art der Isolation vor, und trotzdem spüren wir immer noch die psychischen und physischen Auswirkungen.


Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 hat all das im Handumdrehen verändert. Millionen von Menschen weltweit wurden von einem Tag auf den anderen zur Isolation aufgefordert, ohne dass ein klares Ende in Sicht ist.


Wissenschaftler haben umfangreiche Forschungen über die medizinischen und psychologischen Auswirkungen der Isolation auf den menschlichen Geist und Körper sowie auf Gruppen von Menschen durchgeführt und tun dies auch weiterhin. Ein Ziel dieser Forschung ist es, den Menschen auf lange Aufenthalte im Weltall vorzubereiten. Die beispiellose Situation, in der wir uns befinden, rechtfertigt die Frage:


Was können wir aus dieser Forschung lernen, um bei der aktuellen Krise zu helfen?


Eine Studie von Forschern der University of Southern California und der University of British Columbia, Vancouver, ergab, dass 5 % der Menschen, die ohne psychische Störungen in eine langfristige Isolation gingen, mit mindestens einer psychologischen Störung zurückkamen. Dies mag wie eine kleine Zahl erscheinen, ist es aber nicht. Menschen in Isolation stehen vor mehreren emotionalen Herausforderungen, wie die meisten von Ihnen vielleicht bestätigen können. Es existieren ein Gefühl der Ohnmacht und der Eindruck, einer höheren Macht ausgeliefert zu sein.


Auf kleinem Raum zusammengepfercht zu sein, die gleichen Leute Tag für Tag zu sehen, wenig Bewegung, wenig Zeit und Raum für sich selbst zu haben, Monotonie und Langeweile oder Stress am anderen Ende des Spektrums (versuchen Sie Home-Office mit drei Kindern!), sensorische Entbehrung und vielleicht sogar Rationierung kann zu einer Reihe von Problemen führen. Schlafstörungen und eingeschränkte Wahrnehmung bis hin zu einer subklinischen depressiven Stimmung können bereits nach einigen Tagen auftreten. Sie wirken sich negativ auf zwischenmenschliche Beziehungen aus und Konflikte können zwischen Familienmitgliedern und Mitbewohnern ausbrechen (Du bist gemeint, mein lieber Ehemann).


Während Toleranz, Kooperationsfähigkeit und Geduld natürlich nützliche Eigenschaften sind, um mit diesen Problemen fertig zu werden, kommen hier zusätzlich einige konkrete Tipps, wie man gesund, aktiv, mental stabil und, in meinem Fall, verheiratet bleiben kann.


Für gemeinsame Wohnräume empfehlen Psychologen, bestimmte Bereiche als privat zu kennzeichnen, wie z. B. den Schreibtisch oder ganze Räume. Diese sollten ein Rückzugsort für etwas Zeit allein sein im Unterschied zu Bereichen, die von allen geteilt werden, wie die Küche oder das Bad. Die Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist dabei von entscheidender Bedeutung. Jeder sollte seine Bedürfnisse identifizieren. Ideen zur Umsetzung dieser Wünsche sollten gemeinsam erdacht werden. Eine mögliche Lösung könnte ein Zeitplan sein, der zeigt, wer welchen Raum zu welchem Zeitpunkt nutzen darf. Auf alle Fälle kann auch ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Da wir uns von außen durch Quarantäneanforderungen oder -beschränkungen kontrolliert und in unserer Autonomie stark eingeschränkt fühlen, ist es wichtig, Freiheit in kleinen Dingen zu finden.


Sie könnten alte Hobbys aufgreifen, die Spaß machen und auch drinnen durchführbar sind, oder sogar neue ausprobieren. Eine regelmäßige tägliche Routine hilft, aktiv zu bleiben, aber gleichzeitig sollten Sie versuchen, Abwechslung hinzuzufügen, indem Sie Dinge ein wenig interessanter gestalten (haben Sie sich jemals darüber gewundert, dass Astronauten mit ihrem Essen spielen oder in albernen Kostümen posieren?). Es geht darum, mehr als nur die Grenzen wahrzunehmen, indem wir darüber nachdenken, wie wir unser Leben aktiv gestalten können. Ein Blick in die Zukunft nach der Coronavirus-Krise, wie eine Recherche aller Orte, die Sie dann besuchen möchten, kann auch helfen.


Denken Sie darüber nach: Die meisten Menschen haben sich tatsächlich weniger Dinge auf ihrer To-do-Liste und mehr Zeit mit ihrer Familie gewünscht!


Genau das haben wir im Moment. Es geht nicht darum, “vorsichtig zu sein, was man sich wünscht”, sondern es ist eine Chance, diese Zeit als Geschenk zu nutzen und mit seinen Kindern zu spielen, Dinge nachzuholen, für die im Eilbetrieb der täglichen Routine keine Zeit blieb, und über die wichtigen Dinge im Leben nachzudenken. Vielleicht gibt es Dinge, die Sie nach der Krise dauerhaft ändern möchten?


Auch wenn ich studierte Mikrobiologin bin, finde ich es erstaunlich, wie so ein mikroskopisch kleines Ding die gesamte Welt beeinflussen kann!


Einer der anderen „Hüte“, die ich trage, ist Gesundheitsexpertin. Ich bin Doktorandin in Public Health mit acht Jahren Erfahrung als Teamleiterin in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten in einem lokalen Gesundheitsamt in Deutschland. Meine Doktorarbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit Gesundheitskompetenz, d. h. die organisatorische und individuelle Kompetenz für den Zugang zu sowie das Verständnis, die kritische Prüfung und die Anwendung von gesundheitsbezogenen Informationen, um gesunde Entscheidungen zu treffen. Sie können sich vorstellen, dass in diesen schwierigen Zeiten diese Kompetenz wichtiger denn je ist.


Ich werde in einem Folgeartikel mehr dazu berichten, schauen Sie wieder vorbei!


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